19.11.2022 – 12.03.2023

ANSICHTSSACHE.
Hans Nowak. Peine. Ein Malerleben im Auge des Betrachters

Von Constanze Kleiner & Stephan von Wiese

 

Anlässlich des vorausgegangenen 100. Geburtstages im Mai diesen Jahres widmet das Kreismuseum Peine im November 2022 dem Maler Hans Nowak, einem der bekanntesten Künstler der Region, eine Einzelausstellung. Der aus Halle an der Saale stammende Maler hat das kulturelle Leben nach dem 2. Weltkrieg in seiner Wahlheimat, dem Peiner Land, mit seinem mannigfaltigen Œuvre, seinem extravaganten Charakter und seiner schillernden Persönlichkeit auf vielfältige Weise geprägt. Neben seinem Wohn- und Atelierhaus in Voigtholz, ‚Malerhof‘ genannt, errichtete er 1979 eine Kapelle mit einer Kopie von Leonardo da Vincis Gemälde ‚Das letzte Abendmahl‘ in Originalgröße. Die von ihm benannte ‚Lukas-Kapelle‘ ist heute ein kleines Museum und zugleich ein Ort für Zusammenkünfte des ev.-luth. Kirchenkreises Peine und beliebtes Ausflugsziel.



Das Phänomen Hans Nowak:
Hans Nowak, 1922 geboren, entschied sich, so berichtet er 1995 in seiner Autobiographie ‚Ein Leben wie ein Tag‘, im Jahr 1938, Maler zu werden. Eine Autoschlosserlehre hatte er nicht bestanden, die Berufsschule abgebrochen. Nun beschloss er, wie er schreibt, in einer Art ‚Flucht‘, ‚das zu werden, was ich werden wollte, ein Maler.‘. Mit 16 Jahren bezog Nowak nach eigenen Angaben sein erstes Wohnatelier, eine kleine Dachkammer in Bielefeld. Seine Tätigkeit begann er mit dem Studium der Maltechnik der Alten Meister, die für ihn Vorbild war. Nachbar seiner engen Behausung, so berichtete er in seiner Autobiographie ebenfalls, war damals der Künstler Franz Gerwin. Hans Nowak beschrieb ihn - wie sich selbst auch - als ‚Hungerleiderkünstler‘ und als jemanden, der ihn mit Pinseln und Leinwand sowie ersten Anleitungen versorgte, und dem er - im Gegenzug dafür -  Hut und Mantel vermachte. Wenn man sich allerdings in die biografischen Fakten des Museums Lünen in der Heimatstadt Gerwins, das Werke von ihm besitzt, einliest, stellt man fest, dass Franz Gerwin in demselben Jahr, in dem er von Hans Nowak als Mentor angegeben wurde, bereits als arrivierter Künstler in Dortmund lebte. Wahrscheinlich ist, dass Hans Nowak als Autodidakt in Bielefeld zu malen begann und eine wechselhafte, sehr produktive, künstlerische Laufbahn einschlug - sowohl mit viel Anlehnung an die Kunstgeschichte, als auch mit viel Wachheit für Sehnsüchte und Vorstellungen der damaligen Zeit.
In seinen Erinnerungen schildert er aus jener Zeit Erstlingswerke mit dunklen Dorfstraßen, berichtet aber auch von zwei großen Porträtzeichnungen von Hindenburg und Hitler, die er als ‚dem Führer‘ zugeschickt habe und für die er von diesem persönlich belobigt worden sei. Diese Anekdote schildert Hans Nowak in seiner Autobiographie von 1995. Dort berichtet er auch, dass er als sehr junger Mann eingezogen wurde und als Wehrmachtssoldat an die Front des Zweiten Weltkriegs musste, bis er schließlich desertierte. Ein Versteck bei menschenfreundlichen Russen konnte ihn dann glücklicherweise vor der Erschießung bewahren. Später wurde er dann doch von deutschen Wehrmachtssoldaten aufgegriffen, als Deserteur zum Tode verurteilt und musste zwei Jahre lang in Festungshaft auf der Wartburg über der Stadt Eisenach auf die Vollstreckung warten. Mit der Befreiung durch die Alliierten kam er frei. Ein Erlebnis, was wohl sein ganzes Leben – und wahrscheinlich auch seine Haltung zu Politik und Religion - geprägt haben wird.
In den Nachkriegsjahren nahm Nowak die künstlerische Tätigkeit sogleich wieder auf.

Die Landschaft rückte nun in den Fokus, aber auch Städtebilder. Nowak zeigte hier im Krieg zerbombte Städte wie Halle und Braunschweig in ihrem unzerstörten Zustand, das figurative Bild einer heilen Welt stand im Zentrum. Der vielseitige Maler kam nun schnell ins Gespräch. Sein handwerkliches Können, sein Verkaufsgenie, sein bravouröser Willen zur Provokation und sein genussvoller Lebensstil bedienten jedes Klischee des Bohemiens. So gelang es ihm dann später auch, nicht nur in seiner Wahlheimat Peine eine große Anhängerschaft für sich und seine Werke zu interessieren und um sich zu scharen. Bis nach Paris reichten zuweilen die Kontakte.
Als großer Kenner der Alten Meister wurde er auch zu einem Kunstvermittler, der Neugier und Kauflust zu wecken wusste und seinen Sammlern eine Faszination für Kunst mitgab, die weit über die eigenen Werke hinausging. Nowak zögerte auch nicht, serienartig zu produzieren und hohe Preise zu aufzurufen. Bis heute wird aber auch erzählt, dass er zugleich bekannt war für seine überraschende Freigiebigkeit. Nicht selten hat er Arbeiten plötzlich einfach verschenkt. In vielen Wohnungen der Region hängen noch heute Werke von seiner Hand. Er bedankte sich bei seinen Sammlern mit seinen beliebten Atelierfesten. Diese enge Bindung eines Künstlers an ein ihm verbundenes Netz von Sammlern und Bewunderern aus unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten ist heute ein eher rares Gut. Sie entsprach damals jedoch auch maßgeblich der überraschenden Aufbruchsstimmung im Wirtschaftswunderland Deutschland der 50ger und 60ger Jahre nach dem 2. Weltkrieg. Unerwarteter Wohlstand durch den damals wirksamen Marshallplan und somit unbändige Lebenslust und dadurch auch eine besondere Neugier auf Kultur, Bildung und die sogenannte ‚Große Welt‘ waren Bestandteil des bundesrepublikantischen Lebensalltags. Hans Nowak mit seinen Ausstellungen, seinem Atelier und seiner Person war zum einen für die Menschen eine attraktive Bühne und zugleich auch beliebter Akteur. Wichtig war damals noch das Original an der Wand, selbst als Kopie oder Replik. An dieser Stelle hat Hans Nowak tatsächlich beispielhaft in seiner Region auch als Kulturschaffender gewirkt – wovon sich die Leute auch heute noch viele Anekdoten erzählen.

 

Der Künstler Hans Nowak:
Nowak war ein Maler zwischen den Stilen, den Zeiten, den Themen. Sein Werk pendelt zwischen Tradition und Moderne, Nähe und Ferne, Landschaft und Industrie, Religion und Politik und auch die Freiheit des Privatlebens war sein Thema. Seine malerische Produktion war scheinbar grenzenlos. Man erzählt von ihm, dass er ein regelrechter Virtuose im Erstellen eigener und im Nachahmen alter Farbrezepturen gewesen war und viel Zeit mit dem Thema Farbe verbracht hat. Nowak ist handwerklich in der Tat ein Meister der Farbe, wie es nicht nur seine begeisterten Sammler sehen, aber mehr vielleicht noch - nach Aussage einer seiner Töchter, ein Meister des Lichts. Trotzdem hat Nowak seinen Platz in der Kunstgeschichte nie gefunden, denn eine individuelle künstlerische Botschaft ist in seinem Werk kaum zu orten. Dafür war er aber vor allem als hingebungsvoller Verehrer der alten Meister ein ungewöhnlich charismatischer Botschafter für die Kunst. Er malte seine Bilder für sein begeistertes Publikum – sozusagen fürs Auge des Betrachters. So gewann er überwältigend viele Verehrer und Sammler und weckte auch bei vielen bis dato Ahnungslosen die Faszination für seine eigenen Vorbilder und die Kunst an sich.

 

Zum Werk von Hans Nowak
Am stärksten scheint eine eigene malerische Handschrift bei seinen Versionen von Industrielandschaften, aber auch bei einigen Landschaftsbildern aus der Region und den von ihm bereisten Ländern wie Italien oder Frankreich, bei einigen seiner Selbstporträts und generell bei Bildern von mehr persönlicher Thematik auffindbar zu sein. Immer da, wo Nowak seinem inneren Ungestüm freien Lauf lässt und plötzlich eine besondere Vehemenz seines Pinselstriches wiedererkennbar wird.

 

Hans Nowaks Industriebilder
So eben auch in realistischen, ja restaurativen ‚Glut-und Boden‘-Bildern von Industrie und Landschaft. So entstand sein Gemälde ‚Stahlwerk‘ um 1960, dann zum Beispiel als vom Stil her vergleichbares Bild, ‚Stahlkonverter‘ um 1993. Nowaks Hochofenbilder der Nachkriegsjahre halten die Wahrzeichen des technischen Zeitalters und der industriellen Produktion im Peiner Land fest, sind aber zugleich Fortführung des pathetisch-realistischen Stils der 1930er-Jahre. Hier lebt auch ein Hauch auch völkischen Realismus‘ fort. Immer wieder erzeugte der Künstler gerade mit diesen Industriebildern Aufsehen, vor allem in der Region.
Das scheint auch der Grund dafür zu sein, dass sein Bild ‚Stahlwerk‘ von 1960 als repräsentativ für die Menschen und das Leben im Peiner Land, also identitätsstiftend, gilt und seit Jahrzehnten in einem Sitzungsraum des Landkreis Peine hängt, obwohl es einen eher fragwürdigen geschichtlichen Hintergrund hat. Denn nach aktuellen Recherchen gilt heute als gesichert, dass es sich bei eben diesem Stahlwerkbild um eine fast detailgenaue Wiederholung des Werkes „Hochöfen“ von Franz Gerwin aus dem Jahre 1940 handelt. Gerwin zeigte es 1941 auf der Großen Deutschen Kunstausstellung in München. Es gab damals davon auch eine beliebte Farbpostkarte. Als sicher gilt auch, dass Nowaks Autobiographie nicht mit den Lebensdaten von Gerwin übereinstimmt. So wurde er von Nowak im Jahr 1938 zwar als Ateliernachbar und „Hungerleiderkünstler“ beschrieben, war aber zu jenem Zeitpunkt als 21 Jahre ältere Künstlerkollege schon längst Lehrer an der Kunstgewerbeschule in Dortmund und durch eine Heirat gut situiert. Er hatte zudem in Dortmund ein größeres eigenes Atelier und stellte dort zwischen 1935 und 1944 in der jährlich stattfindenden ‚Großen Westfälischen Kunstausstellung‘ aus. Darüber hinaus war Gerwin auch in der ‚Großen Deutschen Kunstausstellung‘ in München zwischen 1937 und 1944 mit insgesamt 26 Bildern vertreten. Seine Industriebilder aus dem Ruhrgebiet wurden zu einer Art Aushängeschild: Denn hier wurden in der Glut der Hochöfen auch die Waffen der Nazis geschmiedet. Sie wurden zu Prestigebildern. So kaufte Adolf Hitler 1938 Gerwins Bild ‚Kokerei‘ und ließ ihn 1944 in die sogenannte Gottbegnadeten-Liste der für den NS-Kulturbetrieb unentbehrlichen Künstler aufnehmen, der damit unter besonderen Schutz gestellt wurde.
Gerwins Industriebilder müssen derart beeindruckend für Nowak gewesen sein, dass er ihn in seiner Autobiographie als seinen Lehrer herausgestellt hatte, allerdings ohne auf dessen Industriebilder mit einem Wort zu verweisen. Eine Art Narrenstreich – vielleicht.
Und eines von Nowaks Industriebildern ist nun zufällig sehr deutlich die Kopie einer Arbeit von Franz Gerwin. Und ausgerechnet dieses Werk sorgte – mit Recht, denn es ist eine gute Arbeit von Nowak  – für Begeisterung und hängt nun seit Jahren im Sitzungssaal des Landkreises . Diesmal eine Narretei der Geschichte und ein Resultat des Vergessens. Aber sobald, wie mit einer Ausstellung, die ja im Wesentlichen Erinnerungsarbeit ist, verlorenes Wissen wieder zutage gefördert wird, haben wir als Zeitgenossen die Verpflichtung, uns dem zu stellen. Und im Zusammenhang mit Nowaks Kopie des Gerwin-Bildes, stellt sich die Frage, ob dieses Bild die richtige Wahl ist für einen Sitzungssaal in einer Kreisverwaltung. Sollten an einem solchen öffentlichen Ort nicht eher Kunstwerke gezeigt werden, die bewusst und sicher und im wahrsten Sinne „vor-bild-lich“ unsere heutigen Werte und damit verbundene Haltung und die Auseinandersetzung darum repräsentieren?

 

Hans Nowaks Repliken, Kopien und Neuschöpfungen
Ein anderes bemerkenswertes Projekt und ein wesentlicher Bestandteil seiner Lebensleistung sind die im Zeitraum1983 bis 1987 entstandenen Kopien von 39 Meisterwerken aus deutschen Museen, die im Zweiten Weltkrieg unwiederbringlich zerstört worden waren.

Nowak hat sie damals nach alten Fotos kopiert und den Besuchern buchstäblich wieder vor Augen geführt, darunter Werke von Rubens, Caravaggio oder Catena. Zu sehen in der Ausstellung sind unter anderem: Das Gemälde „Zwei Angler“, nach dem originalen Bild von Claude Monet, 1983/87; „Des Künstlers Töchter“, nach Fritz von Uhde, um 1963; „Bäuerin beim Ährenlesen“, nach Vincent van Gogh, um 1983/87; „Selbstporträt“, nach Rembrandt van Rijn, 1983/1987. Das Gemälde „Goldene Haube“, um 1985, ist eine freie Replik.

 

Der Skandal um die Monet-Fälschung
1968 machte Hans Nowak Schlagzeilen, als er einen "neuen Monet" aus der Bahnhofserie "Saint-Lazare Paris" schuf, ihn zur Tarnung selbst mit einem banalen Bild übermalte und es in diesem Zustand - von langer Hand geplant - dem damaligen Direktor des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig, Gert Adriani, durch einen Freund vorstellen ließ.
Und in der Tat, das Bild als „Fundstück vom Pariser Flohmarkt“ wurde vom Museum geprüft, für einen authentischen Monet gehalten, als Sensation gefeiert und gelangte sofort an die Museumswände - zum Jubel der eingeladenen Presse. Die Peinlichkeit ist aus heutiger Sicht vor allem bei dem damals kopflos und inkompetent handelnden, Museumsdirektor, Gert Adriani, zu sehen, der zu lange Zeit die Fälschung nicht wahrhaben wollte. Denn wenn man nur ein wenig recherchiert, findet man, dass derselbe Mann 24 Jahre zuvor schon einmal auf eine Fälschung all zu leicht hereingefallen: 1941 wurde Gert Adriani von Baldur von Schirach, Reichsstatthalter in Wien für einen wiederentdeckten Vermeer gefeiert, der feierlich dem Kunsthistorischen Museum geschenkt wurde. Die österreichische völkische Kunstzeitschrift „Kunst dem Volke“ machte den „Vermeer“ zur Titelstory. Erst 1947 wurden seine Vermeer-Fälschungen durch den belgischen Maler Han van Meegeren selbst aufgedeckt. Der Ehrgeiz machte auch in diesem Fall den Museumsmann Gert Adriani und auch die damalige Museumswelt blind.
Der Sachverhalt um die Monetfälschung – ca. eine Generation später - wurde zwar letzten Endes aufgeklärt, aber es - obwohl Hans Nowak höchstpersönlich seine Autorenschaft in der Zeitschrift ‚Der Stern‘ bekannte - hielten sich lange Zeit hartnäckig diverse Gerüchte. Offensichtlich gab es doch einige Statisten in diesem Narrenspiel, denen sehr daran gelegen war, dass dieser angeblich ‚wieder entdeckte Monet‘ echt gewesen wäre.
Der Skandal um den gefälschten Monet machte Hans Nowak endgültig zu einem ‚Eulenspiegel‘  seiner Wahlheimat Peine – aber auch für immer zu einem Außenseiter in der Museumslandschaft. Das hat seiner Lebensfreude, seinem persönlichen Erfolg, vor allem aber auch seiner Beliebtheit bis heute keinen Abbruch getan. Wäre es anders, würde es die jetzige Überblicksausstellung zum Lebenswerk von Hans Nowak im Kreismuseum Peine nicht geben.

Als PDF-Datei

Kontakt

Stederdorfer Straße 17

31224 Peine

+49 (0) 5171 401 34 08

kreismuseum(at)landkreis-peine.de

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag, 11 bis 17 Uhr

Eintritt kostenfrei!

Für weitere Infos zu Öffnungszeiten an Feiertagen hier klicken

© Kreismuseum Peine - Landkreis Peine  |  Impressum | Datenschutz