Brandes, Hanna (Andreas)


Kreismuseum Peine

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Brandes, Hanna (Andreas)

Ghetto Kind Licht Wald Mann Wald Schwan

Review zur Ausstellung im Kreismuseum-Peine

Hanna Brandes zeigte im Kreismuseum Peine seine erste Einzelausstellung, passend für einen Künstler aus Peine-Schwicheldt, der durch den engagierten Kunstlehrer am Gymnasium Groß Ilsede, Dieter Warzecha, zur Kunst kam. 2005 bekam er ein Arbeitsstipendium des Braunschweigischen Vereinigten Kloster- und Studienfonds, das er gegen 38 weitere Künstler verteidigen musste.

Hanna Brandes hat vor allem gemalt. Für seine Bewerbung an der HBK reichte er eine Mappe nur mit Malerei ein. Inzwischen hat er sich aber mit Objekten und Fotografie beschäftigt, die er hier im Kreismuseum zeigt.

Seine kunstvoll und sorgsamst komponierten Fotografien entstehen nur langsam. Als Flaneur und Spaziergänger, z.B. im Braunschweigischen Umland, mit seiner alten Canon-Spiegelreflexkamera unterwegs, ist er ein stiller, geduldiger Beobachter seiner Umwelt, der Landschaft, der Tiere, der Menschen. Er ist eher ein Erzähler als ein Forscher, ein Jäger, ein Sammler. Durch seine Ruhe und Geduld gelingen ihm einzigartige, spektakuläre Aufnahmen, die er allerdings ganz unspektakulär und zurückgenommen, fast bescheiden, darbietet. Ein schöner Kontrast zum lauten Zeitgeist, der zur Zeit überall angesagt ist. Ein Bestandteil dieser Bescheidenheit ist das kleine, kammermusikalisch zu nennende Format. Allerdings arbeitet er auch mit größeren Formaten, aber für diese Ausstellung schien Hanna Brandes eine geschlossene Darbietung in nur einem, einem kleinen, Format angemessen. Dadurch und durch die ungewohnt tiefe Hängung entsteht eine ganz eigene Atmosphäre in den schwierigen Räumen des Museums. Der im wahrsten Sinne des Wortes „geneigte“ Betrachter muss sich einlassen auf sehr kleine Details, sich tief hinbeugen, auf das Bild eingehen, genauso konzentriert betrachten und beobachten wie der Künstler beim Prozess des Machens. Dann wird er eingefangen in einer poetischen und stillen Welt.

Es gibt verschiedene, immer wiederkehrende Themen, Tiere, Landschaften, Porträts, Situationen.

Z.B. Tiere: Pferde, Kühe, Vögel
Das Bild eines einsamen, schwarzbraunen, schönen Pferdes auf der Weide, mit glänzendem Fell: Mit geschlossenen Augen, aber aufmerksam gespitzten Ohren scheint es ganz Ohr zu sein, in sich ruhend, an ein Standbild der Renaissance erinnernd. Eine Metapher für Einsamkeit, ein Alleinsein mit sich selbst in einer besonnten Landschaft, die keine Begrenzung durch eine Weide zeigt. Nur winzige schwarz-weiße Straßenpfähle erinnern daran, dass durch die scheinbar unberührte Weide- und Waldlandschaft eine Straße führt, Zivilisation vorhanden ist. Die Botschaft ist nicht eindeutig: Alleinsein kann man auch sehr genießen.

Wie alle Fotografien von Hanna Brandes zeichnet sich das Bild durch eine sehr sorgfältige Komposition aus. Der waagerecht-schräge Schatten eines Pferdebeines korrespondiert mit den hintereinander sich schichtenden Landschaftsstreifen von Feld, Rain, Straßenrand, Wald. Landschaft und Himmel halten sich als Hintergrund in etwa die Waage.

Ein Bild voller Poesie ist auch das der beiden spielenden Pferde, die an einem sich zu Ende neigenden schönen Wintertag ihre Kräfte aneinander messen, die Pferde besonnt wie zwei Wappenrösser, schwarz und braun im Kontrast. Das verschneite Feld im Vordergrund weckt Erinnerungen an die knackige Kälte eines schönen Winterspätnachmittags, der zum Spazieren gehen lockt, mit dampfendem Tee hinterher. Der Standort des Fotografen und nun des Betrachters liegt im tiefen Schatten, er blickt durch zwei beladene, zugeschneite Gummiwagen fokussiert auf das fast unwirkliche Pferdespiel. Auch hier fällt die sorgfältige Komposition auf. Die beiden Ackerwagen liegen auf einer schrägen Linie, die vom Zaun im Hintergrund v-förmig weiter geführt wird. Der wolkenlose, weißliche Winterhimmel korrespondiert mit dem Schnee des Hintergrundes. Die Fotografie ist ein Sinnbild für Freiheit in ihrer Begrenzung: Der Zaun im Hintergrund schließt das Bild in seiner unendlichen Weite ab.

Der Rücken einer schwarz-weiß gefleckten Kuh ist aus ungewohnter Perspektive so ins Visier genommen, dass er vor dem blauen Himmelshintergrund wie die Anmutung eines schwarzen Berges mit weißen Schneefeldern wirkt.

Weiße Tauben sitzen einträchtig auf einem Schornstein beisammen, der ehemals von Efeu umrankt war, oder eine dicke Amsel hat ihn für sich eingenommen. Einzigartig die Aufnahme der weißen Tauben auf diesem Turm und dem weißen Flugzeug-Vogel, der just in dem Moment kreuzt, als eine der Tauben auffliegt. Groß die Taube und wie ein Spielzeug winzig das ferne Flugzeug mit seiner langen weißen Kondensspur im blauen Himmel, das nur noch wie ein Piktogramm wirkt. Eine solche Aufnahme erfordert nicht nur Geduld, sondern auch die Geschicklichkeit, genau im richtigen Moment abzudrücken. Zu lesen wäre sie als Natur kontra Technik oder einfach als Analogie zwischen Vogel und Flugzeug. Das hängt davon ab, ob der Betrachter Ingenieur, Kunsthistoriker, Dichter oder ganz etwas anderes ist.

Immer sind die Bilder besonders: Zwei Ameisen in einer fast leeren Kaffeetasse hängen an der glatten Rundung fest und können wahrscheinlich nicht mehr heraus, während um sie herum ihre Welt, der mit Stroh bedeckte Boden, unerreichbar ist. Der Tod ist nah, aber noch genießen sie den Kaffee mit Milch.

Landschaft ist ein anderes wichtiges Thema von Hanna Brandes.
Die Birke mit ihrem weißen Stamm, dazu parallel ein schwarzer Baum, beide einträchtig miteinander verwoben, eingebettet in eine goldene Herbstlandschaft. Die Assoziation eines Zusammenseins zweier Menschen mit verschiedener Hautfarbe kommt ganz von allein auf.

Beeindruckend die einsame Landschaft mit ihren hintereinander gelagerten Farbstreifen: Hellgrüne Wiese, dunkles Gebüsch an der Böschung, dunkelgrüne Weide, blaue Berge, weißer Wolkenhimmel. Das Ganze wirkt wie ein Aquarell und erinnert daran, dass Hanna Brandes von der Malerei her kommt und daran geschult ist. Nur der kleine weiße Straßenpfahl stört die Idylle und ruft den Betrachter in die Wirklichkeit der Zivilisation zurück.

In einer anderen Aufnahme hat der Mensch die Unberührtheit der Schneelandschaft durch Fußstapfen zerstört, die Natur mit Füßen getreten.

Und ein sehr sprechendes „Beziehungsfoto“: In einsamer, unberührter Schneelandschaft gehen ein Mann und eine Frau aufeinander zu, die Frau ist noch ganz klein in weiter Entfernung – sie gehen aufeinander zu, als wollten sie - auf neutralem Boden sozusagen - ihre Beziehung miteinander klären, die eingefroren scheint.

Porträts von Menschen spielen bei Hanna Brandes auch eine große Rolle. Es handelt sich jedoch nicht um Porträts im üblichen Sinne.

Ein absoluter Glücksfall ist der Handy-Telefonierer vor einer Hauswand, der konzentriert und offenbar bedrückt in sein Handy spricht, über ihm 3 Graffitti, auf ihn weisende, weiße Pfeile, die die Dringlichkeit seines Gesprächs noch zu unterstreichen scheinen, zumal sich auch ein winziger roter senkrechter Pfeil als Logo auf seinem T-Shirt wiederfindet. Das Foto wirkt wie ein Standfoto aus der Anfangsszene eines Films, die anschließenden Filmsequenzen könnten einem sofort einfallen.

Neben Fotografie und Zeichnung baut Hanna Brandes auch kleine Objekte, die für sich stehen, aber auch in Beziehung zu den Fotos treten können. Wie es schon Man Ray postuliert hat, führt Hanna Brandes Dinge zusammen, die eigentlich nicht zusammen passen, aber durch die Anordnung des Künstlers einen Sinn bekommen, allerdings nicht Nähmaschine und Regenschirm, sondern wiederum sehr poetische Dinge.

Im Foyer sind 4 verschiedene Teile in Beziehung zueinander gesetzt: Ein Tennisball mit eingewachsenem Gras, der lange in der Wiese lag und vom Künstler bei seinen Spaziergängen gefunden wurde, - Inbegriff einer Natur, die die vom Menschen verursachten Spuren vernichtet, alles überwuchert und wieder für sich vereinnahmt, wenn man sie ließe. Auf dem Ball spaziert ein winziges weißes Plastikreh aus der Spielzeugkiste der Kinderzeit, vielleicht ein ehemaliges Margarinefigürchen. Und damit wird der bewachsene Tennisball zur Gebirgs- oder zur südlichen Macchialandschaft.

Eine rote, bizarr abgebrannte Kerze mit kitschigem Muster, auf den Kopf gestellt, mit einem blauen Plastikeselchen an einem mit silbernen Kügelchen gefüllten Loch, dem ehemaligen Einschnitt für die Kerzenhalterung. Auch, wenn es ein Esel ist, denkt man doch kurz an Franz Marcs blaue Pferde. Ein abgebranntes Stück Holz, geformt wie ein Berggipfel, darauf ein winziges, gelbes Plastikreh, eine ganze Landschaftsgeschichte in den Alpen. An der Wand ein schwarzer Topfuntersetzer mit Altersspuren, gekauft auf dem Trödelmarkt, darauf ein schwarzer Stein in Form eines Herzens, ein besonderer und seltener Fund, darauf ein blauer, grasender Plastikesel. Schauen Sie so genau hin, wie Hanna Brandes das während seiner Arbeit tut: Die Tierfiguren sind durch Blickkontakt miteinander in Beziehung gesetzt, als liefe ein Film ab.

Im oberen Ausstellungsraum findet der Betrachter ein Vogelnest, einen Ball aus Haaren, mit Goldfaden durchwirkt, einen weiß gestrichenen Herkulesstaudenzweig mit roter Clownsnase als Abschluss, die ihre Entsprechung in einem Foto gegenüber hat: Dem roten „Fliegenpilz“ alias Clownsnase im Waldbodengestrüpp. Da ist es, das berühmte Augenzwinkern, von dem Hanna Brandes spricht, das er bei seiner Arbeit auch immer mitdenkt. Einen kleinen Eingriff hat er in die Natur gewagt, während er sonst eher nur beobachtet und dann blitzschnell den Auslöser betätigt

Und ein rätselhaftes Briefkuvert, beschriftet in schönster Schreibschrift an „Herrn Brandes...“, mit einem inliegenden Foto „without truth you are the looser“ – nicht umsonst trägt die Ausstellung den Titel „The truth is between“.

Die Fotos, aber auch die Objekte, fordern das Geschichtenerzählen geradezu heraus. Sie wirken auf den Betrachter wie Stichwortgeber, über eigene Gedanken und Empfindungen, über seine eigene Geschichte nachzudenken, inne zu halten, achtsam zu sein und wieder auf die kleinen, manchmal banalen, aber doch so poetischen Dinge zu achten, ohne die unser Leben sehr arm wäre.

In allen Bildern geht das Kalkül von Hanna Brandes auf, eine einfache Geschichte erzählen zu wollen, die jedoch nicht eindeutig lesbar ist. Er gibt, wie er sagt, sozusagen Bausteine einer Geschichte, sogar eines Films, vor, die für jeden einzelnen eine ganz andere werden kann, je nachdem, was für Empfindungen und Erinnerungen bei den einzelnen dadurch ausgelöst werden und welche Bilder im Kopf entstehen.
Hanna Brandes formuliert selbst: „Dabei bin ich immer am ganz Alltäglichen interessiert, an den kleinen, banalen und poetischen Dingen des Lebens, versuche diesen etwas Schönes, Phantastisches, Ehrliches und auch Komisches und Schräges zu verleihen; den Hang zur Romantik und Melancholie mit dem nötigen Ernst zu behandeln, aber auch nie das gewisse Augenzwinkern zu vergessen. Es geht im Grunde genommen um eine Möglichkeit des In-der-Welt-Seins, um ein bewusstes Leben und Erleben, um eine Idee von Freiheit wie sie z.B. die amerikanische Fotografin Zoe Leonard formuliert hat:
„Ich möchte dazu beitragen, eine Welt zu erschaffen, in der man einfach rumsitzen und die Wolken betrachten kann.“
Versuchen wieder mit Kinderaugen zu sehen, mit der Unbefangenheit und Faszination eines Kindes durch die Welt zu marschieren und mit Bildern und Dingen umzugehen und komische Welten zu erschaffen. Eine Geschichte zu erzählen wie eine Mischung aus einem Bergman-Film und Alice im Wunderland. Sich immer wieder um Worte drehend wie Glaube und Zweifel, Mut und Angst, Liebe, Freundschaft, Sehnsucht, Freiheit, etc.“

Dr. Ulrika Evers, Kreismuseum Peine, 11.10. 2006
 


 

Lebenslauf

1973 geboren in Peine, in Schwicheldt aufgewachsen
1997 Abitur am Gymnasium Groß Ilsede, Dieter Warzecha war der Kunstlehrer, der zum Kunststudium ermunterte
1997-2004 Studium der Freien Kunst an der HBK Braunschweig
2004 Meisterschüler bei Walter Dahn
2005 Arbeitsstipendium des Braunschweigischen Vereinigten Kloster- und Studienfonds
aktuell lebt in Braunschweig und Berlin

 


 

Einzelausstellungen

2006 Hanna(Andreas)Brandes - Kreismuseum Peine, Peine
2011 Hanna Brandes - Tanja Pol Galerie, München

 


 

Gruppenausstellungen

2000 Make my Paper Sound - Klasse Walter Dahn - Kunstverein Braunschweig
2005 30 fingers in a on night stand - Simultanhalle, Köln
2006 Terrain Vague - Wheely - Bonner Kunstverein, Bonn
Lovely Shanghai Music - Himalayas Art Museum (the former Zendai Museum of Modern Art) , Shanghai
2009 Christina Chirulescu & Hanna Brandes - Tanja Pol Galerie, München
2010 CHARITÄT - TÄT, Berlin
Alex Müller / Hanna Brandes - TÄT, Berlin
Dominik Bednarek / Hanna Brandes / Kalin Lindena / Alex Müller - Kunstverein Springhornhof, Neuenkirchen
2011 Unter Helden - Vor-Bilder in der Gegenwartskunst - Kunsthalle Nürnberg, Nürnberg Winter in America - Tanja Pol Galerie, München

 

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